Zur Orientierung für Menschen mit Behinderungen

Ich habe dieses Buch entdeckt, als ich auf der Suche war nach Texten und Gedichten, die nicht rund und in sich abgeschlossen sind, sondern die den Moment einfangen, offen bleiben, auch Unbeantwortetes aushalten. Dieses Buch ist kein Buch der Analyse, kein Therapieansatz oder eine Handlungsanweisung für Trauernde. Es nimmt mich mit auf eine Reise durch die Trauer, durch mögliche Prozesse, stellt mehr Fragen, als das es sie beantwortet, lässt Zweifel, Schmerz und Wut, genauso wie Alltägliches zu.

Dadurch entsteht Raum für eigenes Nachdenken, eine Anregung, meinen eigenen Trauerweg zu gehen und zu durchschreiten, nicht in der Trauer zu erstarren und zu verschwinden, sondern durch den Schmerz und auch durch die Wut hin zu einem neuen Verständnis meiner selbst und meiner Geschichte zu gelangen. Und letztlich auch, mein Trauerkleid abstreifen zu dürfen und mich Neuem zu öffnen, ohne die Trauer und den Schmerz zu unterdrücken oder zu verleugnen, sondern als Teil meines Lebens und meiner Person anzunehmen, eine Aussöhnung damit zu finden.

Gerade das Bruchstückhafte der Gedanken und Texte, das Abreißen oft mitten im Satz, die unbeantwortete Frage hat mich berührt. Ob es ein täglicher Begleiter sein kann im ersten Trauerjahr? Möglich, ich weiß es nicht. Aber  es findet Worte und Ausdruck, kleidet Gefühle in ein zum teil poetisches Gewand- und somit empfehle ich es Menschen, die trauern und Menschen, die andere begleiten und verstehen möchten. Es hilft, in Worte zu fassen, was oft so unsagbar erscheint.

Gertraude Langbehn, Kontaktstelle PflegeEngagement

Filmempfehlung

Das Leuchten der Erinnerung

Das Leuchten der Erinnerung, so der deutsche Titel des Filmes von Paolo Virzi, den ich Ihnen empfehlen möchte. Ellen (gespielt von der wunderbaren Helen Mirren) und John (gespielt von dem wundervollen Donald Sutherland) sind seit Jahrzehnten verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder und alles, was im Leben wichtig ist, haben sie miteinander geteilt. Nun sind sie beide schwer krank. Ellen weiß, dass sie nicht mehr viel Zeit hat und dass sie sich nicht mehr lange um John wird kümmern können, der an Demenz leidet. Doch statt alles hinzunehmen, wie es kommt, nimmt sie ihr und das Schicksal ihres Mannes in die eigene Hand. Sie machen eine letzte große Reise in ihrem alten Wohnmobil, einem treuen Weggefährten, der zur dritten Hauptfigur des Filmes wird. Das könnte jetzt alles sehr traurig werden und wird es auch, doch diese Geschichte will noch mehr. Ellen und John hatten ein schönes, ganz normales, reicherfülltes Leben, sie sind humorvolle, warmherzige Menschen, die noch immer große Zärtlichkeit für einander empfinden. Das Band dieser Beziehung darf nicht vergessen werden über dem aufziehenden Leid. Sie beide sind mehr als das über sie verhängte Ende. Einzigartige Menschen sind sie, mit ihrer einmaligen Geschichte, wie wir alle. Das möchte der Film uns sagen. An den Abenden spannt Ellen draußen ein Bettlaken auf und zeigt John Fotos von ihrem gemeinsamen Leben, dann lassen sie die Erinnerung leuchten. Ein schöner Film von der Liebe in Zeiten der schwersten Herausforderungen.

Bibliothek

Bücher zum Ausleihen

Hier stellt Ihnen unsere ehrenamtliche Mitarbeiterin Irene Aselmeier regelmäßig Bücher vor. Diese können Sie im Büro des Besuchsdienstes in der Holsteinischen Straße 30 kostenlos ausleihen. In dieser kleinen Bibliothek finden Sie viele Bücher und Filme rund um die Themen Demenz, Behinderung und Alter.

In der Bibliothek

"Gilead" von Marilynne Robinson

Es gibt Bücher, die uns helfen, uns selbst besser zu verstehen, behutsamer, bewusster zu empfinden.

Die Amerikanerin Marilynne Robinson, die zu den angesehensten Autorinnen ihres Landes gehört, schreibt solche Bücher. Bei uns ist sie leider noch zu wenig bekannt. Sie ist eine wundersam einfühlsame Erzählerin. In unverwechselbar eindringlichem Stil erschafft sie ihre Figuren und lässt sie auf zu Herzen und Verstand gehende Art und Weise zu uns sprechen.

In ihrem Roman "Gilead", dem ersten Band einer Trilogie, lässt sie John Ames, den Pastor der kleinen Gemeinde Gilead, zu Wort kommen. Er hat spät im Leben noch einmal geheiratet. Seine junge Frau Lila, die vom Leben bisher immer stiefmütterlich behandelt wurde, hat in Gilead und bei John Ames zum ersten Mal in ihrem Leben einen Platz gefunden hat, an dem sie willkommen ist, sich aufgenommen und geliebt fühlen kann. Die beiden haben, zu ihrem großen Glück, einen siebenjährigen Sohn. Doch John ist schwer krank und weiß, dass er nicht mehr lange für die beiden da sein wird. Lila bittet John darum, etwas für ihren Sohn aufzuschreiben, das sie ihm später geben kann, um ihn an seinen Vater zu erinnern.

Daraus entsteht das Buch, das wir vor uns haben. Es ist ein sehr langer Brief eines Vaters an seinen Sohn und ein Abschiednehmen vom Leben. Liebevoll, sanft und zärtlich, aber schonungslos mit sich selbst. John spricht von seiner Kindheit, seinem Vater und Großvater, von seinen Überzeugungen, seiner Arbeit, seinen Irrtümern Ängsten und Selbstzweifeln, doch vor allem von seiner Liebe und seinem lebenslangen Bemühen, die Dinge richtig zu machen und zu verstehen, dem Leben gerecht zu werden. " Ich versuche aus unserer Situation das Beste zu machen. Das heißt, ich versuche, dir von Dingen zu erzählen, auf die ich vielleicht nie gekommen wäre, hätte ich dich selbst großziehen können, Vater und Sohn auf die übliche kameradschaftliche Art. Wenn alles seinen gewohnten Gang geht, behält man nicht immer das Wesentliche im Blick. Es gibt so viele Dinge, die zu erzählen einem nie einfiele. Dabei können genau das die Dinge sein, die einem am meisten bedeuten, und selbst das eigene Kind würde sie wissen müssen, um einen ein bisschen zu kennen."

Im Klappentext heißt es wunderschön über die Autorin, die die Lieblingsschriftstellerin von Barack Obama ist: " Mit visionärer Kraft und sprachlicher Eindringlichkeit erzählt Marilynne Robinson von der Ungeheuerlichkeit des Lebens, das wir erst in der Rückschau begreifen. Und wie John Ames fühlen wir uns im Blitz dieser Einsicht weniger allein. Dieser Trost macht ihre Bücher so einzigartig." Besseres und mehr kann man von einem Buch nicht erwarten. Ich wünsche mir, dass Sie die Bücher von Marilynne Robinson für sich entdecken und dass sie Sie bereichern und Ihren Blick weiten mögen.

Irene Aselmeier

In der Bibliothek

Wir selbst bleiben

2011 erschien das Buch „Der alte König in seinem Exil“  des Schriftstellers Arno Geiger. Ein sehr persönliches  Dokument, das von der Demenzerkrankung seines Vaters, des 2014 verstorbenen August Geiger, handelt. Inzwischen ist dieses Buch für viele, die direkt durch betroffene Angehörige mit Demenz konfrontiert sind oder sich mit diesem allgemein beängstigenden Thema näher beschäftigen wollen, zu einem Standardwerk geworden.

Natürlich bleibt es immer heikel, wenn man sehr intime Einblicke, und was könnte intimer sein,  als die Beschreibung eines Weges in die Demenz, in das Leben anderer gibt, die zwar noch da sind, aber nicht mehr so da, dass sie sagen könnten: „Halt, ich möchte lieber nicht, dass du das von mir erzählst, niemand soll Dinge über mich erfahren, die ich selber nicht weiß und nicht verstehe.“

Wenn jemand sich entschließt, auf diese Weise über einen anderen zu schreiben, sollte er darum gute Gründe dafür haben und er sollte gut zu schreiben verstehen. Beides trifft auf Arno Geiger zu. Doch ganz will das Gefühl der Ambivalenz nicht weichen, was aufgrund des Themas auch  unvermeidlich ist.

 „Ich gehe jetzt nach Hause“, sagte er einmal, als er müde war, noch länger zu warten, dass ihn jemand mitnahm.

„Gehst du mit oder bleibst du hier?“

„Ich bleibe hier.“

[…]

„ Darf ich gehen?“

„Wenn du meinst, bitte, es steht dir frei.“

„Und eins noch, meine Angehörigen – darf ich sie mitnehmen?“

„Selbstverständlich, nimm sie mit.“

„Gut, danke“

Er schaute sich um, ob ihm noch etwas auffiel, das er mitnehmen könnte. Er sagte zufrieden:

„Da ist nichts mehr, was mich persönlich berührt.“

[…]

„Hast du mir eine Adresse?“ Oder eine andere Anweisung? Ich meine, du müsstest mir nur sagen, geh die obere Straße entlang, bis du das Haus siehst.“

[…]

„Ich habe es mir überlegt, ich komme mit. […]“

„Wohin?“, fragte er.

„Heim“, sagte ich. „Mich zieht es auch heim.“

 Solche Stellen, in denen der Autor uns lehrt zu verstehen, wie sinnstiftend  und schön eine Verbindung  auch dann noch sein kann, wenn der eine sich nach und nach aus dem Leben entfernt, machen die Tiefe des Buches aus.

Arno Geiger zeigt, dass es in menschlichen Beziehungen um sehr viel mehr geht, als um die Aufrechterhaltung eines sogenannten  normalen Lebens.  Dass es auch in schwersten Zeiten gelingen kann, einander die Treue zu wahren und dass einem anderen, einem nächsten Menschen, zu helfen und nahe zu bleiben, auch bedeuten kann, sich selber zu helfen und näher zu kommen, mehr über die Bedeutung menschlicher Existenz zu erfahren, dokumentiert dieses Buch. Dabei geht es nicht darum, der Krankheit Demenz positive Aspekte abzugewinnen, die gibt es nicht, sondern ihr zu trotzen, indem man aufrechterhält, was uns zusammenhält, Nähe und Mitmenschlichkeit.

Die Vater-Sohn Beziehung wird auf die wohl härteste Probe gestellt und beide bestehen sie diese Probe, die harte Arbeit des Abschiednehmens. Beide begeben sich auf den Weg zurück. Den Vater bewegen alte, unbewältigte Ängste aus Kriegszeiten, die er nicht rational fassen kann. Der Sohn erklärt sich die Lebensgeschichte seines Vaters und schreibt sie reflektierend nieder. Er selbst ist Teil dieser Geschichte und fühlt sich ihr gegenüber verpflichtet. Eine Verpflichtung, die auch eine Befreiung ist, denn sie setzt Verstehen in Gang. Die Erkrankung des Vaters bringt sie einander sehr nahe. Eine behutsame, respektvolle, zärtliche Beziehung entsteht. Sie beruht auf Gegenseitigkeit, denn der Vater lebt sie mit. Obwohl starke Veränderungen mit ihm vorgehen, verändert sich sein im Kern liebenswertes Wesen nicht.

Was den Titel des Buches betrifft, fühlt man sich an Shakespeares Drama "König Lear" erinnert. Doch geht es meines Erachtens hier um ein Gegenbild zum Lear. Bei Shakespeare wird ein alter König aufgrund eigener Irrtümer und Fehleinschätzungen in Verzweiflung und Wahnsinn getrieben. Die eigene Familie beraubt ihn jeglicher Existenzgrundlage. Shakespeare hinterließ uns damit ein unvergängliches Sinnbild menschlicher Fehlgeleitetheit.

Arno Geiger meint mit dem König in gewisser Weise jeden von uns. Solange wir unser weitestgehend selbstbestimmtes Leben führen können, über unsere natürlichen Fähigkeiten des Denkens und Erinnerns frei verfügen können, sind wir wie Könige in unserem eigenen Körper und unserer eigenen Geschichte. Sobald diese Fähigkeiten zurückgehen und wir dadurch unsere Autonomie, Orientierung und Kontinuität verlieren, sind wir ins Exil vertrieben.

Dann sind wir angewiesen  auf  liebende, verstehende Menschen, die uns begleiten und nicht allein lassen.

 „Ein Mangel an Möglichkeiten hat manchmal etwas Befreiendes. Ich stelle es mir vor, wie das Warten an einer kleinen Bahnstation in Sibirien, kilometerweit abseits der nächsten Siedlung, man sitzt und knackt Sonnenblumenkerne. Irgendwann kommt bestimmt ein Zug. Irgendwann wird bestimmt etwas passieren. Bestimmt.

[…]

Es heißt: Wer lange genug wartet, kann König werden.“

 Ein Buch für uns alle, die wir unser Selbst erhalten wollen.

 Irene Aselmeier

In der Bibliothek

Auf uns gestellt

Oft stehen wir alleine da, obwohl es Menschen in unserem unmittelbaren Umfeld gibt, obwohl wir in soziale Kontexte eingebunden sind. Es gibt Lebenssituationen, die uns von den anderen isolieren, auf uns selbst zurückwerfen, aus denen wir uns völlig alleine herausarbeiten müssen. Je älter wir sind, umso schwerer kann es dann werden, zurückzufinden in einen Sinnzusammenhang, Hoffnung zu schöpfen, um weiterzumachen.
Diesmal soll es um 3 Bücher gehen, in denen man Figuren kennenlernt, von denen zwei es schaffen und eine nicht, ihr Leben nach Schicksalsschlägen wieder fortzusetzen.

Thomas Hardy (1840-1928), der große englische Dichter und Romanschriftsteller, gestaltet in seinem komplexen und tiefgründigen Werk Der Bürgermeister von Casterbridge - Leben und Tod eines Mannes von Charakter, die Figur des Michael Henchard, eines Mannes, dessen Leben ganz und gar vom Glück verlassen wird. Nach zahlreichen vergeblichen Versuchen wieder auf die Beine zu kommen, setzt er sein Testament auf:

Michael Henchards letzer Wille:

"Dass Elizabeth-Jane Farfrae nicht von meinem Tod erfahre, noch um meinetwillen trauern soll.
& dass ich nicht in geweihter Erde begraben werde.
& dass kein Totengräber die Glocke läuten muss.
& dass niemand meine Leiche sehen soll.
& dass keine Trauernden hinter meinem Sarg hergehen.
& dass keine Blumen auf mein Grab gepflanzt werden.
& dass kein Mensch sich an mich erinnere.
Darunter setze ich meinen Namen.
Michael Henchard"

Hier beschließt jemand, dass nichts von ihm bleiben soll.
Vieles lässt sich verfügen und bestimmen, aber darüber, wer um uns trauert und sich an uns erinnert, können wir nicht selbst entscheiden. So gelingt es Michael Henchard nicht, vergessen zu werden, zumindest die oben genannte Elizabeth-Jane Farfrae versucht zwar alle Anweisungen zu befolgen, doch zieht sie für sich eine Erkenntnis aus seinem traurigen Lebensweg, die zu seiner Hinterlassenschaft wird.
"Ihre Erfahrung war von einer Art gewesen, die lehrte - ob zu Recht oder zu Unrecht - , dass die zweifelhafte Ehre eines kurzen Durchgangs durch eine erbärmliche Welt kaum nach Überschwänglichkeit verlangte, selbst wenn der Pfad plötzlich und irgendwo auf halbem Wege durch Strahlen des Tages, so reich wie die ihren , beschienen wurde. Doch ihr starkes Empfinden, dass weder sie noch sonst ein Mensch weniger verdiente als ihm gegeben wurde, machte sie nicht blind für die Tatsache, dass es andere gab, die weniger empfingen und viel mehr verdient hatten."
Ein zeitloser Klassiker und ein erstaunliches Leseerlebnis.

Der amerikanische Schriftsteller Richard Ford (geb. 1944) gehört zu den wichtigsten Stimmen der Gegenwartsliteratur. Mit der Figur des Frank Bascombe hat er ein alter ego erschaffen, dem er bisher 4 Bücher gewidmet hat, Der Sportreporter (1986), Unabhängigkeitstag (1995), Die Lage des Landes ( 2006) und Frank (2014). Beim Lesen können wir zusammen mit Frank älter und weiser werden und lernen dabei sehr viel über die Vereinigten Staaten und die Befindlichkeiten ihrer Bewohner. Dieser Frank Bascombe ist ein nachdenklicher und zunehmend reservierter Mensch. Im vorerst letzten (vielleicht allerletzten) Band Frank begegnen wir einem Mann im Ruhestand, der sich in seinem Leben umschaut und sich fragt, was das alles soll. Er ist zum zweiten Mal verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, es geht ihm finanziell gut, er ist gesund und hat sich ehrenamtliche Aufgaben gesucht und doch hat er keine wirklichen menschlichen Bindungen, umgibt ihn ein Gefühl der Fremdheit, er muss viel an seinen frühverstorbenen Sohn denken. In jeder der 4 Erzählungen dieses Buches geht es um das Zusammentreffen mit einem anderen Menschen, das zu keiner Begegnung wird. Er trifft einen alten Freund, lernt eine Frau kennen, die als Kind in dem Haus gewohnt hat, das heute ihm gehört, besucht seine erste Frau, die in einer hochmodernen Senioreneinrichtung lebt und macht eine Visite bei einem schwerkranken Bekannten, den er lange nicht gesehen hat. Doch erst ganz am Schluss dieses weisen Buches kommt es dann doch noch zu einer unerwarteten menschlichen Begegnung.
Da heißt es dann:
"Das ist alles, was wir einander am Weihnachtsabend sagen können: ein paar gute Worte. Dann geht er. Und ich gehe. Der Tag, der uns kurz zusammengebracht hat, ist gerettet."
Manchmal rettet uns ein gelungenes Buch, eins von Richard Ford.

Das Rettende gilt auch für den Roman Nora Webster von Colm Toibin ( geb. 1955), dem irischen Meistererzähler. Nora ist nach 21 Jahren Ehe Witwe geworden. Nun steht sie alleine da, mit zwei fast erwachsenen Töchtern, zwei schulpflichtigen Söhnen, den gemeinsam erworbenen Dingen, der kaum artikulierten Trauer, den Erinnerungen an Maurice, der allumfassenden Veränderung. Colm Toibin gelingt es mit aller Klarheit und Kraft seiner Sprache, immer ganz und gar aus der Perspektive der Nora zu erzählen, ohne ihr auch nur einmal von der Seite zu weichen. Ein Autor und seine Figur meistern hier gemeinsam diese einzigartige und doch ganz normale Geschichte.

"Es gab Leute in der Stadt, die fragen würden, was ihr eigentlich einfiel, Gesangsunterricht zu nehmen (...) Erst nach einem Monat, als sie vier oder fünf Unterrichtsstunden gehabt hatte, ging ihr auf, dass die Musik sie von Maurice, von ihrem Leben mit ihm fortführte. Aber es lag nicht lediglich daran, dass Maurice kein Ohr für Musik gehabt hatte und dass Musik etwas war, was sie niemals geteilt hatten. Es lag an der Intensität ihrer hier verbrachten Zeit; sie war allein mit sich an einem Ort, wohin er ihr niemals gefolgt wäre, nicht einmal im Tod."

Wir folgen Colm Toibin und seiner Nora überall hin, weil wir spüren, wie nahe uns Literatur kommen kann, wenn sie wahrhaftig ist.

In der Bibliothek

Vertraut bleiben im Fremdwerden

Veränderungen, die wir nicht selbst gewählt und für die wir uns nicht selbst entschieden haben, zu bewältigen, zu akzeptieren, sie als Chance und nicht nur als schicksalhaft verordnet zu begreifen, dabei kann uns, wie bei fast allem, die Literatur helfen.

Eine der wesentlichsten Veränderungen in unserem Leben ist das Alter. Es kommt allmählich, nach und nach setzt ein Prozess ein, mit dem wir umgehen lernen müssen. Wir sind körperlich weniger belastbar, gleichzeitig werden die an uns gestellten Anforderungen aber nicht geringer. Wir sehen uns vor die Aufgabe gestellt, zurückzublicken, ein Resümee zu ziehen, unser Leben in einen Sinnzusammenhang zu stellen. Bleibt die Frage, ist es ein Blick zurück im Zorn, in Trauer, in Güte? Und wer ist da bei uns oder nicht mehr bei uns, wenn wir zurückblicken?

Drei der besten , weil hilfreichen, Autoren der Gegenwart haben sich in ihrem Werk mit diesem schwierigen Thema beschäftigt. Alle drei kann ich Ihnen nicht genug ans Herz legen, bitte lesen , entdecken Sie sie.

Colm Toibin ist einer der bedeutendsten irischen Schriftsteller und einer der wichtigsten Autoren unserer Zeit. Sein Roman "Flammende Heide", der 1996 auf Deutsch erschienen ist, belegt eindrucksvoll, warum das so ist. Der kurz vor dem Ruhestand stehende Richter Redmond, verwitwet und allein lebend, muss erkennen, dass er sich und anderen immer fremd geblieben ist. Es handelt sich um eine existentielle Fremdheit, denn er scheute aus Selbstschutz den Zugang zu seinen Gefühlen, lebte neben sich und seiner Familie her. Sein Beruf war es, über Menschen zu urteilen, Recht zu sprechen, doch hat er immer viel zu wenig über sie gewusst, über sie wissen wollen, denn das hätte bedeutet, sich mit sich selbst und seiner eigenen Geschichte auseinandersetzen zu müssen. Wir lernen einen spröden Charakter kennen, der nichts falsch machen will und nichts wirklich richtig gemacht hat. Doch es ist noch nicht zu spät für ihn, etwas über sich selbst zu begreifen. Colm Toibin urteilt über keine seiner Figuren, sondern lässt uns durch seine meisterhafte Erzählweise an ihrem Leben teilhaben, Anteil nehmen und sie verstehen.

In Stewart O' Nans Roman," Emily, allein" begegnen wir einer sogenannten ganz normalen Frau, die ein sogenanntes ganz normales Leben geführt hat und führt. Emily ist Witwe, Mutter und Großmutter. Fast alle Aufgaben, die ihr vom Leben gestellt worden sind, hat sie gut bewältigt. Und auch die letzte Aufgabe, das Alleinsein im Alter, geht sie mutig und umsichtig an. Ihre Würde möchte sie bewahren, ihre Selbstbestimmtheit behalten, solange es geht. Wir begleiten sie ein halbes Jahr, erleben sie in ihrem Alltag, bei ihren mühevoller werdenden Beschäftigungen, nehmen teil an ihren Gedanken, Sorgen und Erinnerungen. Obwohl ihre Erlebnisse unspektakulär sind, liest man gespannt und gebannt weiter, weil man Emily eben nicht allein lassen will. So lebensnah und dicht, ohne Gefühligkeit, dafür mit großem Einfühlungsvermögen, vermag Stewart O' Nan zu erzählen, dass man sich nicht von Emily verabschieden möchte. Alle Bücher dieses großen amerikanischen Autors sind so, dass man es bedauert, wenn sie enden.

Und schließlich Kazuo Ishiguro, in Japan geboren und in Großbritannien aufgewachsen. 10 Jahre lag sein zuletzt veröffentlichter Roman, das Meisterwerk "Alles, was wir geben mussten" zurück, als 2015 "Der begrabene Riese" erschien. Was soll man von diesem Autor sagen, um ihm gerecht zu werden? In jedem Fall, dass er immer besser und besser wird, obwohl das nicht möglich scheint, denn seine Romane sind alle vollkommen. Vollkommenheit in der Literatur erreichen, das bedeutet, sich treu bleiben, indem man sich weiterentwickelt, alle Sicherheiten aufgeben und sich dem freien Fall überantworten. Dann können Wunder passieren. "Der begrabene Riese" ist ein solches. Die Geschichte spielt im Britannien des 5. Jahrhunderts oder in einer mythisch-allegorischen Welt oder heute. Das altgewordenen Paar Axl und Beatrice müssen aufbrechen zu einer Reise, von der sie nicht wissen, wohin sie führt. Es ist eine Reise in ihre eigene Geschichte. " In diesem Fall wollte ich eine Geschichte darüber schreiben, wie Leute sich erinnern und was sie vergessen und wie sie mit der Frage kämpfen, wann ist es besser zu vergessen und wann ist es besser , sich zu erinnern.", sagte Kazuo Ishiguro in einem Interview. Ihm ist es mit diesem Buch gelungen, eine große Menschheitsparabel und eine zeitlos gültige Liebesgeschichte zu schaffen.

Dies ist keine Buchempfehlung für Leser, die es leicht mögen. Es ist ein schweres, leicht zu lesendes, aber aufgrund seiner Tiefe schwer auszuhaltendes Buch. Wer sich eine Lektüre wünscht, die er nicht vergessen wird, sollte dieses Werk lesen.

Irene Aselmeier

Literatur zum Lachen und Weinen

Lesen ist "auf etwas zugehen"

Die Literaturwissenschaftlerin Inge Jens, hat ihren Mann, den  Germanisten, Rhetorikprofessor und Autor, Walter Jens,  viele Jahre auf seinem Weg in und durch die Demenz begleitet . Als sie anfing darüber zu schreiben, war das Thema Demenz für viele noch tabubehaftet. Sie hat dabei geholfen, dies zu ändern und durch ihre Fähigkeit, Dinge schonungslos, doch immer mitfühlend, auszusprechen, anderen Betroffenen Mut gemacht und Stärke gegeben. Sie wiederum fand Kraft und Rückhalt in der Bestätigung, die andere ihr dabei gaben. Das ist es, was Schreiben, Lesen und miteinander ins Gespräch kommen, leisten können. Dabei helfen, sich weniger allein zu fühlen. Dafür möchte ich Ihnen noch drei weitere Beispiele geben.
Als der britische Fantasy- Autor Terry Pratchett 2015 an den Folgen einer 2007 diagnostizierten Alzheimer - Erkrankung verstarb, hinterließ er ein Werk von über 60 Romanen, die in 37 Sprachen übersetzt wurden, und eine Gemeinde von Millionen trauernder Fans weltweit. Seine Bücher zeugen von Großherzigkeit, Lebensklugheit, warmem Humor und überschäumender Phantasie. Er schuf mit seinen Scheibenwelt - Romanen einen imaginären Kosmos, der unserer Welt den Spiegel vorhält. Obwohl  ihm in den letzten Lebensjahren alles immer schwerer fiel, hörte er nie auf zu schreiben, gegen die Krankheit zu kämpfen und sich für andere einzusetzen. Wer einmal ganz ernsthaft lachen möchte, dem sei sein Werk ans Herz gelegt. 
Der Roman "Morgen und Abend" des Norwegers Jon Fosse umfasst unvergessliche 118 Seiten vom Kommen und Gehen des Lebens. Es handelt von einem alten Mann, der Abschied nimmt von seinem Leben. Es ist ein behutsamer und zärtlicher Text, der stark berührt.
Wer einmal befreiend weinen können möchte, dem sei dieses Buch in die Hand gegeben.
Meine für diesmal letzte Empfehlung gilt einem der weisen wegweisenden Menschen unserer Zeit, der uns 2016 verlassen hat, dem Dichter, Komponisten und Sänger Leonard Cohen. Sein letztes Album " You want it darker", drei Wochen vor seinem Tod aufgenommen, bildet den Höhepunkt seines Schaffens, ein zeitloses Meisterwerk. Er ist gegangen, um zu bleiben, denn wann immer wir seiner Stimme zuhören, wissen wir uns erkannt und getröstet.

Irene Aselmeier

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